Die Wahl der Qual

Münchens dienstälteste Domina: Eine Reportage, die schockiert

Comtesse Desiree herrscht streng in ihrem Studio.
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Comtesse Desiree herrscht streng in ihrem Studio.
Latex und Leder dominiert das Auge.
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Latex und Leder dominieren im Studio von Comtesse Desiree.
Comtesse Desiree herrscht streng in ihrem Studio.
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Comtesse Desiree herrscht streng in ihrem Studio.
Comtesse Desiree herrscht streng in ihrem Studio.
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Comtesse Desiree herrscht streng in ihrem Studio.
Latex und Leder dominieren im Studio von Comtesse Desiree.
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Latex und Leder dominieren im Studio von Comtesse Desiree.
Comtesse Desiree herrscht streng in ihrem Studio.
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Comtesse Desiree herrscht streng in ihrem Studio.
Streckbank und Peitsche gehören zum Standardrepertoire.
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Streckbank und Peitsche gehören zum Standardrepertoire.
Für jeden SM-Liebhaber hat Desiree etwas bereit.
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Für jeden SM-Liebhaber hat Desiree etwas bereit.
Gerte, Peitsche oder Desinfektionsspray.
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Gerte, Peitsche oder Desinfektionsspray.
Mickey Mouse auf der Schulbank, die aus den 1950er Jahre stammt.
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Mickey Mouse auf der Schulbank, die aus den 1950er Jahre stammt.

Peitsche, Strom und seltsame Masken: Bei Comtesse Desiree herrscht seit 16 Jahren in München ein strenger Ton. Eine detaillierte Reportage aus einer geheimnisvollen Welt, die schockieren kann.

München - Ein Messingschild über der Klingel, schwarz eingraviert: „Centrum für psychisch-dynamische Rollenspiele Montag bis Freitag - und nach Vereinbarung“. Hinter der Tür erfüllen sich Sehnsüchte, dort arbeitet Comtesse Desiree. Dort erniedrigt, nadelt, peitscht und herrscht Münchens dienstälteste Domina. Drei Etagen muss man zu ihr hochgehen.

Erster Stock: eine christliche Gemeinde, zweiter Stock: eine Werbeagentur. Dritter Stock: die Domina. Sie befriedigt Bedürfnisse und Neigungen ihrer Männer, eine Wunscherfüllerin ist sie aber nicht. Ihre Grenzen: Rollenspiele mit Bezug zum Nationalsozialismus oder Sessions mit Minderjährigen und Tieren sind tabu. „Ein Schweizer wollte mit seinem Kalb kommen“, sagt Desiree. Sie ist Tierschützerin, hat selbst einen Hund. Er steht in der Tür und wedelt mit dem Schwanz.

Comtesse Desiree ist zierlich, blond und Ende 40. Man könnte sie auch ein bisschen älter schätzen. Sie trägt beim Gespräch eine dünne graue Stoffhose, einen silberfarbenen Pulli und ein strenges Gesicht. Wenn sie von früher berichtet und sich an kuriose Momente erinnert, wird ihre Stimme höher und lauter.

Einen Partner hat sie nicht: „Ich habe beruflich so viel mit Männern zu tun, da brauche ich privat keinen mehr.“ Ihre Zuneigung bekommt Windhund-Mischling Fritz. Er hat in der Küche sein Quartier - dem einzigen Raum ohne Peitschen, Kreuze, Ledermäntel. Er soll es bequem haben. Sie legt ihm vier weiße, weiche Handtücher hin. Sie lächelt: „Er dominiert mich.“

Desiree arbeitet seit 16 Jahren als Domina

So wie sie seit 16 Jahren Männer dominiert. Desiree wollte eigentlich Journalistin werden, aber ein Bekannter riet ihr ab, zu hart sei die Branche. Sie studierte Psychologie in Deutschland und Sprachen in Venezuela, arbeitete kurz in den USA sowie als Dolmetscherin in der Schweiz. Jetzt verprügelt sie Männer.

„Die wahre Dominanz hat mit Schlagen wenig zu tun“, erklärt Desiree. Macht ausüben, die völlige Unterwerfung wie in Rollenspielen sei das Ideal. Trotzdem liebt sie Spanking, also das Schlagen auf die nackte Haut, auf Hintern oder Oberschenkel. „Schlagen ist eine Philosophie.“ Sie nippt am Kaffee, noch ein Stück Kuchen. „Es ist ein Erfolgserlebnis, wenn du den Flagellanten so richtig verprügelst und er danach fast keine Spuren hat.“ Ihr gelingt das, indem sie die Körperstelle vorwärmt und danach desinfiziert.

Angefangen hat sie, als sie während des Oktoberfestes in einem Bordell hinter der Bar aushalf. Da kam einer, „der sah aus wie ein Zuhälter aus den 70er-Jahren“, erzählt Desiree. „Der fragte mich, ob ich mit ihm auf ein Zimmer gehen möchte. Ich sagte ihm, dass ich die Bar und keinen Sex mache.“ Das wollte er auch gar nicht. Stattdessen holte er aus seiner Tasche Handschellen, Peitsche und ein Latexkleid heraus. „Da habe ich gemerkt, dass mir das richtig viel Spaß macht“, sagt sie und lächelt.

Zu ihren Klienten zählen zudem Geschäftsmänner, Web-Designer, Schauspieler, Ärzte und Richter. Sie stehen auf Schläge, wollen beleidigt werden. Bei ihr verkleiden sich Politiker als Frauen, Handwerker servieren in Schürze das Mittagessen und werden danach in den Käfig oder die Gefängniszelle gesperrt. Ein reicher Mann aus Hamburg wird bei ihr zum studentischen Escort-Girl, das den Umschnalldildo bläst. Desiree hat auch drei Frauen als Kunden. „Mit denen muss ich immer viel lachen.“

Tiermasken und das Küchenrätsel

Vier Tiermasken dekorieren einen schwarzen Sarg. Schwein, Huhn, Kuh und Pferd. „Die meisten wollen ein Schwein sein“, sagt Desiree. Der Sarg war eher ein Gag. Er war im Angebot, und ein „Sklave“ habe ihn so präpariert, dass man atmen kann.

Ein Privatsender drehte in ihrem Studio eine Szene mit ihrem „Objekt“ Walter, der beim sogenannten Küchenrätsel eine Schweinemaske trägt. Seine Herrin schlug mit einem Holzkochlöffel auf seinen nackten Hintern. „Was war das für ein Küchengerät?“, fragte sie streng. Walter nuschelte: „Paddel.“ - „Wir sind in der Küche, nicht in einem Studio.“ Klatsch, klatsch, klatsch. „Was ist das für ein Küchengerät?“ Ein Kochlöffel, antwortete „Objekt“ Walter. Desiree schlug zur Belohnung weitere Male auf den Hintern und holte andere Küchengeräte.

Walter liebt Schläge, andere Klammern an den Brustwarzen oder Nadelspiele. Bei Erstkunden fragt Desiree, ob die Männer körperliche Beschwerden haben. Ein Kunde kam beispielsweise mit dem Wunsch, genadelt zu werden. Nadeln, das heißt, dass die Comtesse Akupunkturnadeln an bestimmte Körperstellen setzt. Doch der Besucher nahm den Blutverdünner Marcumar. Den habe sie auf das Risiko, viel Blut zu verlieren, hingewiesen und weggeschickt. „An schüchterne Erstkunden verteile ich beim Vorgespräch einen Fragebogen, damit ich weiß, mit wem ich es zu tun habe“, sagt sie.

Diskretion ist wichtig

Ihr Studio ist rund 200 Quadratmeter groß, erstreckt sich auf zwei Stockwerke, auf denen sie mit ihren Sklaven machen kann, was sie will. An den Wänden im unteren Teil des Studios hängen Lack- und Latexmäntel in allen Größen, Stiefel, die bis zum Becken reichen, sowie unzählige Peitschen und Sex-Spielzeuge. Auf Köpfen von Schaufensterpuppen sind Masken aller Art platziert: schwarz, rot, Lack, Leder, am Mund ein Reißverschluss, Augen frei, komplett geschlossen. Es riecht ein wenig nach Desinfektionsmittel.

Desiree hat zwei Bücher geschrieben. Verheiratet war sie auch schon mal. Über ihren Ex-Mann möchte sie nicht mehr sprechen. Viele Männer kommen, die etwas im Beruf zu sagen haben. Drei würden auf dem Oktoberfest arbeiten, andere regelmäßig in der Zeitung stehen. Diskretion ist wichtig. Männer, die in der Arbeit unter Druck stehen, Ansagen machen. Manche sehnen sich danach, bewusst die Kontrolle aus der Hand zu geben. Nach Situationen, in denen sie nur gehorchen müssen. Manche Neigungen führt Desiree auf Erfahrungen in der Pubertät zurück, andere haben zuhause wenig Abwechslung oder Angst, ihrer Frau von ihren Wünschen zu erzählen.

Es ist Mittag, in zwei Stunden kommt der erste Klient. „Hast du noch Kaffee? Nimm dir eine Praline. Soll ich die Heizung anmachen?“, fragt die Comtesse. Hund Fritz schaut vorbei, seine Krallen kratzen über die schwarzen Fliesen. Er legt seinen Kopf in ihren Schoß und wird von ihr gestreichelt. Klienten bekommen High Heels, Pumps oder Frauensandalen bis Größe 48. Die stehen auf der Marmortreppe, die in den oberen Teil des Studios führt.

Zahnarzt-Besteck und Infusionen

Alle Männer müssen sich waschen, bekommen drei Handtücher, Duschgel, Zahnbürste und Einmal-Nassrasierer gestellt. Dafür gibt es oben ein Bad mit Dusche und Whirlpool, daneben das „Klinik-Zimmer“ mit roten Fliesen am Boden, Spiegelfliesen an der Wand. Auf einem Brett an der Wand liegt Zahnarzt-Besteck. Darüber hängen Scheren, Handschellen und ein Flaschenöffner mit Eulen-Motiv. Auf dem gynäkologischen Stuhl legt sie Harnkatheter, die sie unter Strom setzt oder verabreicht Infusionen, an Stellen, wo es wirklich weh tut. „Da lacht mein sadistisches Herz.“

Hund Fritz bekommt davon in der Küche nichts mit. „Er schläft meistens während der Sessions und träumt von seiner Verlobten“, erzählt Desiree. „Er ist mein Ein und Alles.“

Im Studio steht ein Strafbock. Er kostet 2000 Euro und sieht aus wie ein Stuhl, der seine Lehne nach hinten durchstreckt wie die Brücke beim Yoga. Der Kunde legt sich bäuchlings auf den mit Leder gepolsterten Bock, wird mit Gürtel fixiert und dann ausgepeitscht. Einen Beichtstuhl hat sie bei Ebay ersteigert, Streckbank, Penetrationsmaschine und Käfig gehören zum Standardrepertoire. Obwohl vieles hängt und steht, ist das Studio nicht überladen.

An den Wänden holen sich Anfänger Inspiration: Nudelholz, ein weißer Plastikschöpfer von Ikea, Pfannenwender und ein Stockschirm. Darüber die Peitschen-Sammlung. Einschwänzig, mehrschwänzig, kurz, lang, Leder, Latex aber auch Fiberglas, Hartgummi. „Das tut besonders weh“, sagt Desiree. In einem Regal liegen drei Kerzen: schwarz, rot, gold. „Am meisten schmerzt das schwarze Wachs.“ Direkt daneben in einem Metalleimer regen Teppichklopfer, Rohrstock, elektrische Fliegenklatschen und Gerte die Fantasie der Männer an.

Schlagen ist eine Philosophie

Desiree doziert: Man müsse mit Gefühl und Konzentration züchtigen. Mache man es falsch, verletzt man. „Es gibt viele Prostituierte, die sich Domina nennen, aber keine Ahnung haben. Die schlagen einfach zu, misshandeln ihre Kunden und erkennen die Schmerzgrenze nicht.“ Das sei dann wie beim Penis. Werde er überreizt, gehe nichts mehr. „Einige dieser Bizarr-Ladys“ hätten, anders als sie, „mit ihren Sklaven Sex. Das geht gar nicht.“ Viele würden unter dem Preis arbeiten, nicht auf Hygiene achten und auf Kondome verzichten.

Sie hofft, dass das neue Prostitutionsgesetz die Lage verbessert. Dann müssen die „Bizarr-Ladys“, wie Desiree sie wiederholt nennt, ihr Gewerbe anmelden und können nicht mehr von Studio zu Studio gehen. Außerdem werden die Frauen zweimal im Jahr kontrolliert, ob sie Geschlechtskrankheiten haben. „Bislang interessieren sich die Besitzer der Studios nicht dafür, was in den vermieteten Zimmern passiert. Mit dem neuen Gesetz werden sie verantwortlich gemacht, ob die Frauen angemeldet sind“, sagt Desiree. 

Das Studio gehört ihr seit 2001 alleine. Seinerzeit hat sie umdekoriert. Hinter einem Vorhang neben der Treppe steht die Schulbank aus den 1950er Jahren. Die zu bekommen, sei schwierig gewesen, erzählt Desiree. Sie musste sowohl den Hausmeister als auch die Gemeinde bezahlen. Davor hängen eine Tafel und ein Abakus. Auf der Tafel steht: „Brave Buben kommen in den Himmel – böse überall hin!“

„Das hätte es früher nicht gegeben“

Desiree kann sich, vielleicht kommt das auch von ihrem Beruf, leicht in Rage reden. So regt sie sich auch gleich noch über Männer auf, die feige per SMS absagen. Andere schreiben lange E-Mails mit ihren Wünschen oder geilen sich am Telefon auf, indem sie ihre Gedanken erzählen. „Das hätte es früher nicht gegeben.“

Früher, das war vor der Finanzkrise, da sei das Geschäft besser gelaufen. „Die Männer holen sich bei mir Ohrfeigen ab. Und wenn sie den Fernseher anmachen und viele Hiobsbotschaften sehen, sind das lauter Ohrfeigen.“

Michael Sapper

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